Zwei Schwestern. Zwei Korsette. Ein gemeinsamer Weg
„Jedes Kind ist anders – deshalb ist auch jede Korsettversorgung individuell“, erklärt Anja. „Es geht nicht nur darum, ein Korsett technisch perfekt anzupassen. Es geht auch darum, dass sich die Kinder damit wohlfühlen und ihren Alltag weiterhin gut meistern können.“
Früherkennung kann entscheidend sein
Bei Hannah und Mila wurde die Skoliose bei ihrer letzten U-Untersuchung entdeckt. Diese Untersuchung ist heutzutage keine verpflichtende Vorsorgeuntersuchung mehr – die Kinderärztin der beiden entschied sich trotzdem dafür, sie durchzuführen. Eine Entscheidung, über die alle im Nachhinein besonders froh sind. Durch die Untersuchung konnte die strukturelle Wirbelsäulenveränderung früh erkannt und anschließend die passende interdisziplinäre Therapie eingeleitet werden. Gerade bei Skoliose ist eine frühe Versorgung wichtig, denn während des Wachstums kann sich die Wirbelsäule weiter verändern.
Milas Röntgenbilder im Vergleich: August 2025 vor der Versorgung und September 2026 mit der Versorgung:

Hannahs Röntgenbilder im Vergleich: Oktober 2023 vor der Versorgung und August 2026 mit der Versorgung:
Zwei unterschiedliche Wege – ein gemeinsames Ziel
Hannah kennt das Leben mit Korsett bereits sehr gut. Ihre Skoliose ist weiter fortgeschritten als die ihrer Schwester, deshalb trägt sie inzwischen ihr drittes Korsett. Ihr neues Modell hat sie sich wieder selbst ausgesucht: ein fröhliches Erdbeer-Kirsch-Design. Ihr vorheriges Korsett war rosa. Für Mila ist dagegen vieles neu. Ihr erstes Korsett hat ein Schmetterlingsmotiv – ebenfalls nach ihren eigenen Wünschen gestaltet. Dass beide Mädchen ihr Korsett individuell mitgestalten konnten, ist ein wichtiger Bestandteil der Versorgung. Farben und Motive machen aus einem medizinischen Hilfsmittel etwas Persönliches und helfen dabei, das Korsett als neuen Bestandteil des Alltags anzunehmen. Hannah beschreibt ihr Korsett mit drei Worten: „Etwas eng. Erdbeeren. Ein Teil von mir.“
Der erste Schritt ist ungewohnt – aber machbar
An ihren ersten Tag mit Korsett erinnert sich Hannah noch genau: „Es war ziemlich eng.“ Doch sie weiß heute: Dieses Gefühl verändert sich. Für Mila war es besonders hilfreich, dass ihre Schwester diesen Weg bereits kannte:
„Ich hatte weniger Angst und habe mich sogar darauf gefreut, weil ich dann endlich gerade werde“!
Mit Schwung und Nachdruck schnürt sich Mila ihre Schuhe nach dem Werkstatt-Termin wieder zu und Hannah bindet sich den Zopf noch einmal neu. „Wir haben noch drei Tipps für Kinder, die bald ein Korsett bekommen“, sagen sie strahlend:
- Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.
- Nur die ersten zwei Wochen fühlt es sich besonders eng an.
- Druckstellensalbe kann an empfindlichen Stellen helfen.
Ein Korsett darf sichtbar sein
Viele Kinder und Jugendliche machen sich Gedanken darüber, wie andere auf ihr Korsett reagieren. Hannah und Mila haben dabei positive Erfahrungen gemacht. Hannah war sogar so stolz auf ihr Korsett, dass sie ein Plakat darüber gestaltete und es in ihrer Klasse vorstellte. „Die anderen kannten das vorher noch gar nicht. Und meine Freunde und Freundinnen finden das Korsett sehr schön und meinen, dass ich es ruhig frei tragen kann“, erzählt Hannah. Man sieht: Mit Offenheit entstehen Verständnis und Akzeptanz. Und genau das hilft Kindern dabei, selbstbewusst mit ihrer Versorgung umzugehen.
Anja: „Jedes Korsett ist ein Unikat – genau wie jedes Kind. Uns ist wichtig, dass die Versorgung nicht nur medizinisch optimal funktioniert, sondern auch zum Leben der Kinder passt. Deshalb nehmen wir uns Zeit für jede Anpassung. Wenn etwas drückt oder unangenehm ist, finden wir gemeinsam eine Lösung. Ein Korsett soll unterstützen, nicht schmerzen. Und wenn Kinder ihr Korsett mitgestalten dürfen, entsteht häufig etwas, das sie mit Stolz tragen.“
Korsett und Physiotherapie gehören zusammen
Eine erfolgreiche Skoliose-Therapie besteht nicht nur aus dem Tragen eines Korsetts. Die Versorgung wird durch regelmäßige Physiotherapie ergänzt. Das Korsett unterstützt die Wirbelsäule während des Wachstums und hilft dabei, die Fehlstellung zu korrigieren beziehungsweise ein Fortschreiten zu verhindern. Die Physiotherapie stärkt gleichzeitig die Muskulatur, verbessert die Körperhaltung und unterstützt die Kinder und Jugendlichen dabei, aktiv an ihrer Behandlung mitzuwirken. Wie wirkungsvoll die Therapie sein kann, zeigen auch die Röntgenbilder von Hannah. Die Aufnahmen machen sichtbar, wie sich ihre Wirbelsäule durch die konsequente Behandlung bereits verbessert und aufgerichtet hat. Solche Fortschritte sind für Kinder, Eltern und das gesamte Behandlungsteam eine große Motivation.
Persönliche Begleitung gibt Sicherheit
Für die Familie ist es besonders wichtig zu wissen, dass sie nicht allein gelassen wird. Die Mutter erzählt: „Wir können jederzeit anrufen und vorbeikommen, sobald etwas drückt oder nicht richtig sitzt. Es wird sich sofort gekümmert und Abhilfe geschaffen. Wenn Fragen aufkommen, wissen wir, dass wir zeitnah einen Termin bekommen. Es hilft ungemein zu wissen: Ein Korsett muss nicht wehtun. Wenn es doch wehtut, sitzt es nicht richtig – und man kann etwas ändern.“ Diese enge Begleitung ist ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Korsettversorgung.
Was macht euch glücklich?
Auch wenn das Korsett einen Teil ihres Alltags begleitet, stehen bei Hannah und Mila vor allem ihre Persönlichkeit und ihre Wünsche im Mittelpunkt. Wir haben sie auf unserem kleinen Foto-Spaziergang gefragt, was für beide wichtig ist: Hannah: „Dass man in der Schule so akzeptiert wird, wie man ist.“ Mila: „Dass ich gerade werde.“ Und auch ihre Zukunftspläne zeigen: Die beiden Mädchen blicken voller Zuversicht nach vorne. Während Mila Lehrerin werden möchte, ist Hannahs Zukunftswunsch, ein Frühstückcafé zu leiten. Aus ihren Antworten wird deutlich, was im Mittelpunkt stehen sollte: nicht die Skoliose oder das Korsett, sondern die Persönlichkeit, die Interessen jedes einzelnen Kindes. Das Korsett begleitet Hannah und Mila ein Stück ihres Weges – aber es bestimmt nicht, wer sie sind. Mit der richtigen Unterstützung können sie aufrecht durchs Leben gehen – mit Mut, Selbstvertrauen und ganz eigenen Träumen.
Kurz erklärt
Was ist eine idiopathische Skoliose? Die idiopathische Skoliose ist eine dreidimensionale strukturelle Veränderung der Wirbelsäule. Sie tritt meist während des Wachstums im Kindes- und Jugendalter auf. Die genaue Ursache ist unbekannt, sie lässt sich jedoch bei frühzeitiger Diagnose sehr gut behandeln.
Auf einen Blick
Warum ist eine frühe Versorgung so wichtig? Während Kinder wachsen, kann sich auch die strukturelle Wirbelsäulenveränderung verändern. Je früher eine Skoliose erkannt und behandelt wird, desto größer sind die Chancen, das Fortschreiten aufzuhalten und die Wirbelsäule positiv zu beeinflussen.
Warum reicht ein Korsett allein nicht aus? Ein Korsett wirkt nur im Zusammenspiel mit einer gezielten Physiotherapie. Die Übungen stärken die Muskulatur, fördern eine gute Haltung und unterstützen den Therapieerfolg nachhaltig.
Warum dürfen Kinder ihr Korsett selbst gestalten? Ein Korsett wird über viele Stunden täglich getragen. Farben und Motive machen aus einem medizinischen Hilfsmittel etwas Persönliches. Das erhöht die Akzeptanz und erleichtert den Alltag sowie den Therapieerfolg.
Expertenblick:

Anja, Orthopädietechnikerin
Welches Ziel verfolgt die Korsetttherapie? „Unser Ziel ist es, das Fortschreiten der Skoliose zu bremsen, die Wirbelsäule möglichst gut aufzurichten und die Lebensqualität der Kinder langfristig zu erhalten. Die Versorgung sollte dabei nicht nur medizinisch optimal funktionieren, sondern gleichzeitig zum Leben der Kinder und Jugendlichen passen!“

Hallo, ich bin Sabine ...